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Immer nur einatmen

“Verhalte Dich in Beziehungen so, wie du es dir von deinem Partner wünschst.” Der Satz hakte sich bei mir fest, vor allem als zweifelhaft. Und während ich außenstehende Sichtweisen dazu sammle, wird mir etwas anderes bewusst: Es hakt am Output.

Mit jedem Kommentar und jeder persönlichen Sichtweise dazu, steigt mein innerer Druck. Es ist wie inhalieren und inhalieren und nicht ausatmen können. Es blockiert einfach, wenn ich versuche, meine eigene Sicht aus den Kommentaren zu destillieren. Das fühlt sich schlimm an. Und kriegt ne Münze. Wie sieht mein Anteil aus, der immer nur einatmet und nie aus?

Er ist ein speckig glänzender Typ, schwer übergewichtig, kugelrund, mit aufgeplusterten, roten Backen, der wie ein Heliumluftballon aufsteigt. Die Umgebung ist eine ruhige Landschaft mit zarten Apfelbäumen im Hintergrund auf sanften Hügeln.

Das mit der Münze ist eine tolle Sache. Es ist, als würde man in eigene Mechanismen grätschen. Man ist geneigt, unangenehme Gefühle einfach nur weghaben zu wollen. Aber sie dürfen ja sein. Sie müssen ja sein dürfen! Ohne sie existiert ihr Gegenteil nicht! Allein deshalb dürfen sie sein. Und da macht die Münze gewissermaßen die Tür auf – falls man die Kurve hinkriegt. Wie schnell ist man drüberweg und verdrängt das üble Gefühl einfach… Schafft man es aber, den Moment zu erkennen und dem aktiven Anteil – so unliebsam er grade sein mag – die Münze zu geben, die Wertschätzung, die ihm zusteht, dann hat man einen Zugang dazu. Dann ist er bewusst. Dann ist die Tür offen für die eingehende Betrachtung. Für die Zuwendung, die er verdient, weil er ist. Und vor allem nimmt es ihm schonmal den Schrecken.

Da ist also mein pausbäckiger Überflieger… Der Brustkorb bläht sich immer mehr. Er hat den Überblick, aber er kann sich nicht mitteilen… Und er darf genau so sein! Eben damit sein Gegenteil existiert. Und was ist sein Gegenteil? Der Schritt ist sehr wichtig!!!

Mein Verstand präsentiert mir Varianten: Einer, der immer nur ausatmet. Platt wie ne Briefmarke liegt er am Boden. Innerlich und äußerlich platt. Da ist nix mehr rauszuholen. Völlige Inhaltslosigkeit. Beklemmung. Hingabe an den Boden – nichts anderes geht mehr. Der andere, den der Verstand kurz aufblitzen lässt, ist der geregelt ein und ausatmende Anteil: Das ist eine gesunde, selbstbewusste Frau. Und hier liegt die Schwierigkeit: Ich bin schon wieder geneigt, die Briefmarke abzulehnen. “Nein, das ist auch nicht gut!” Aber hey! Der Anteil darf sein und kriegt genauso seine Münze!

Und dabei wird mir klar, dass die gesund atmende Frau – inhale, exhale – eingentlich kein Anteil ist, sondern das geordnete Zusammenspiel der beiden. Der stetig fließende Wechsel zwischen Heliumballon und Briefmarke. Die Extreme sind sooo wichtig! Nicht immer weichgespültes Optimum, sondern Vielfalt der Randgruppen. Alles darf sein! Wenn ich meinem Heliumballonchen Raum gebe, geht´s ihm gut. Er winkt mir zu aus seiner segelnden Vogelperspektive. Und auch die ausatmende Briefmarke signalisiert mir am Boden liegend: “Daumen hoch! Alles im grünen Bereich, ich bin okay hier, wo ich bin.” Die jeweilige Landschaft um sie herum wird leuchtender. Inhaltlich verändert sie sich nicht. Sie wirkt einfach nur heller.

Nun erscheint meine bildreiche Beschreibung vielleicht kitschig und übertrieben. Kann sein, darf sein. Es sind “nur” Bilder für meinen inneren Bezug zu Input und Output. Je verrückter, umso griffiger. Fakt ist: Dadurch, dass ich den beiden Raum gebe, ordnet sich mein Innenleben. Mein Bezug zu “immer nur einatmen” verändert sich. Aus der Angst “Oh Gott! Ich kann nicht mehr ausatmen! Ich werde sterben!” wird “Es stehen beide zu meiner freien Verfügung. Ich bin jederzeit frei, zu wählen, und in keinster Weise ausgeliefert.”

Zurück im real life heißt das, dass die Selbstvorwürfe – weil ich dauernd nur irgendwelchen mehr oder weniger selbstgewählten Input von verschiedenen Kanälen inhaliere – ziehen dürfen. Ich bin frei zu wählen. Ja, ich habe jetzt viel eingeatmet und jetzt entscheide ich mich für Output.

Hiermit geschehen.

Alles Liebe
Yvonne