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Typisch hochbegabt

Wir leben in einer Welt der Polarität. “Schieberegler” an allen Ecken und Enden. Die Kräfte haben die Ausprägung viel oder wenig. Wer den Wasserhahn von warm auf kalt stellt, spürt den Übergang. Wer die Lautstärke aufdreht, hat alles zwischen Stille und ohrenbetäubend. Es gilt nicht Sommer gegen Winter, sondern ist Bestandteil des gleichen Kreises. Yin und Yang, fließende Übergänge.

Manche nennen es Dualität, aber das ist nicht das Gleiche. Dualität ist entweder-oder, keine Grautöne. Das Schachbrett auf dem man entweder auf schwarz oder auf weiß steht. Die Münze, bei der man entweder Kopf oder Zahl hat, nie beides (Wir sehen vom Stand auf der schmalen Kante mal ab.).

Polarität also. In der Mitte zwischen den Polen gibt es meistens den Bereich, der oft gewählt wird. Die angenehme Lautstärke, die angenehme Wassertemperatur, das angenehme Gegenüber. Hochbegabung lässt sich auf dieser Normalverteilung abbilden. Es ist das eine Extrem. Man neigt dazu, heute jedem Kind Hochbegabung zu attestieren – nach dem Buch von Prof. Dr. Gerald Hüther – aber dabei gibt es meiner Ansicht nach ein Definitionsproblem. Was jedes Kind hat, ist ein Potential, das es zu entfalten gilt. Ja, damit ist wohl unbestritten jedes Kind und jeder Erwachsene erstmal “reich beschenkt”. Es kann sich an Sibirische Verhältnisse genauso anpassen, wie an Tropische. Das Potential ist vorhanden und wird bedarfsgerecht verwirklicht.

Das Konstrukt “Hochbegabung” ist jedoch wissenschaftlich erforscht im Sinne besonders ausgeprägter kognitiver Fähigkeiten. Es wird ausdrücklich das schnelle Denken betrachtet. Eben nicht der Athlet oder das Geigenwunderkind, sondern der Schnelldenker.

Stell es Dir vor wie ein Reisigbündel, in der Mitte von der Hand umfasst. Die Hand erfasst die große Menge. Die Zweige in der Mitte liegen dich beieinander und sind entsprechend gut “zusammenzufassen” – im wahrsten Sinne. Für die breite Masse gelten relativ einheitliche Maßstäbe.

Je weiter man allerdings an die Enden des Bündels blickt, um so mehr laufen individuelle Zweige in alle möglichen Richtungen auseinander, schwer zu erfassen, schwer zu vereinheitlichen. Eine Gruppe von Menschen, die man dadurch vereinheitlicht, dass sie alle anders als die anderen sind. Anders, aber eben untereinander nicht gleich.

Wer mal ein Kinderzimmer (analog kann man sich auch ne Heimwerker-Werkstatt vorstellen) aufgeräumt hat, kennt das. Man sortiert die Puzzleteile zu den Puzzlen, die Plüschtiere hierhin, die Malsachen zu einander evtl. zum Bastelzeug dazu… Und am Ende gibt´s immer noch den “Ramschhaufen”. Die Teile, die nirgends einzuordnen sind. Der Ring aus dem Kaugummiautomaten, die Ü-Ei-Figur, der Schmetterling aus Federn, die losen Perlen, die zu einem Spiel gehörten, das es nicht mehr gibt usw. Diese Unikate packt man dann, weil sie ja eigentlich auch schön sind, in die Ramschkiste. Und Hochbegabung ist sowas wie die Ramschkiste (ich hoffe, mir wirft keiner den Vergleich vor). Eben de Spezial-Sonderanfertigungen an Schrauben, von denen es je nur eine gibt, die deshalb ins gleiche Kästchen wandern, obwohl sie völlig verschieden sind. Die losen, manchmal störrischen Enden des Reisigbündels.

So sind Hochbegabte. Jeder anders, jeder speziell. Nicht sehr passend in die breite Masse, manchmal nervtötend, umständlich, eigenartig, einzigartig und sehr wertvoll. Liebenswerte Unikate!